Interview „Frauen in der Etikettenbranche“ (6)

Die Rahmenbedingungen sind schon besser geworden

Simone Stöckigt, Geschäftsführerin, fs-Etiketten GmbH, Friesenheim (Quelle: fs-Etiketten)
Simone Stöckigt, Geschäftsführerin, fs-Etiketten GmbH, Friesenheim (Quelle: fs-Etiketten)

„Eine Karriere darf nicht mehr unter den etablierten Netzwerken gefördert werden. Da muss – und es scheint nur mit einer Quote zu funktionieren – umgedacht werden. Wenn die Frauen dann mal mit am Zug sind, ändert sich auch die (Beförderungs)Kultur.“ sagt Simone Stöckigt, Geschäftsführerin, fs-Etiketten GmbH, Friesenheim. Ein Gespräch mit Etiketten-Labels zu ihren Erfahrungen als Unternehmerin in der Etikettenbranche.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Unternehmen und Ihre Position.

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Simone Stöckigt: fs-Etiketten ist ein Familienunternehmen mit 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und  wir sind seit über 55 Jahren am Markt. Wir produzieren Etiketten für Lebensmittel, Reinigungschemie und Kosmetik im Digital- und Flexodruck.  Ich bin seit über 20 Jahren als geschäftsführende Gesellschafterin tätig und habe das Unternehmen vom meinem Vater übernommen.

Haben Sie eine Ausbildung in der Druckbranche gemacht oder sind Sie „Seiteneinsteigerin“?

Simone Stöckigt: Ende der 80er Jahre gab es die Ausbildung zum Etikettendrucker noch nicht, deshalb habe ich eine Ausbildung zur Offsetdruckerin absolviert. Danach war ich vier Jahre als Druckerin und Kundenbetreuerin in einer Etikettendruckerei in Großbritannien tätig. Als erste weibliche Absolventin habe ich meinen Industriemeister Druck an der Johannes-Gutenbergschule in Stuttgart gemacht. Berufsbegleitend ging es dann weiter mit Management an der Hochschule St. Gallen.

Thema Quote: Wie stehen Sie zu diesem Thema? Und welche Bedeutung hat die Quote in Ihrem Umfeld?

Simone Stöckigt: Als ich in meinem Beruf angefangen habe, gab es nur Männer um mich herum. Ich hatte damit nie ein Problem und deshalb gedacht, „nur“ eine Quotenfrau zu sein, ist ja auch nicht besonders erstrebenswert. Mittlerweile sehe ich das anders. Besonders ab dem Zeitpunkt, wo eine Frau Kinder bekommt, braucht sie Unterstützung. Es muss normal sein, dass es Kinder im Alltag gibt und die Firmen müssen dieser Tatsache auch Rechnung tragen. Ich denke, dass gerade in Führungspositionen eine Pflicht zur Vorbildfunktion bestehen muss. Eine Karriere darf nicht mehr unter den etablierten Netzwerken gefördert werden. Da muss – und es scheint nur mit einer Quote zu funktionieren – umgedacht werden. Wenn die Frauen dann mal mit am Zug sind, ändert sich auch die (Beförderungs)Kultur. Ich habe zwar mittlerweile den Eindruck, dass die 20-30-jährigen heute als Mutter und Vater mehr Wert auf eine gleichberechtigte Aufteilung der Familienarbeit legen. Darauf verlassen möchte ich mich nicht – deshalb ein eindeutiges „ja“ zur Frauenquote. Bei uns im Unternehmen sind Frauen auch in Teilzeit in Führungspositionen tätig. Anfangs wurde mir auch prophezeit, dass das nicht möglich ist. Das ist aber eine Organisationssache und der Wille dazu muss da sein – es kann ja auch mal nicht klappen! Dann sollte man aber nicht gleich aufgeben, sondern flexibel bleiben. Bei uns funktioniert es prima und in der aktuellen Situation war es von Vorteil, dass wir schon vorab Erfahrung mit Homeoffice-Tagen gemacht hatten.

Simone Stöckigt: "Sicherlich hat mir meine Erfahrung an der Druckmaschine geholfen." (Quelle: Fs-Etiketten)
Simone Stöckigt: “Sicherlich hat mir meine Erfahrung an der Druckmaschine geholfen.” (Quelle: Fs-Etiketten)

Haben Sie als Führungskraft/ Unternehmerin schon Erfahrung damit gemacht, dass Geschäftspartner oder Kunden nicht mit Frauen in Führungspositionen umgehen können.

Simone Stöckigt: Meine Ausbildungssuche war schwierig. Die Druckereien waren unisono der Meinung „das müssen wir uns nicht auch noch antun…“ Von einer Begebenheit kann ich hier erzählen, die mich doch kurz sprachlos gemacht hat. Vor ein paar Jahren habe ich als Geschäftsführerin ein Sondierungsgespräch bezüglich einer Kooperation getätigt. Nach meiner Zusammenfassung und dem Urteil, dass es für fs-Etiketten nicht das erwünschte Ergebnis bringen würde, kam ein: „Nicht nur hübsch sondern auch was in der Birne – das hat man ja selten“.

Worin liegen für Sie die Vorteile der Führungsposition in Ihrem Unternehmen?

Simone Stöckigt: Dass ich meine Ideen umsetzen kann und mit meiner Erfahrung Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern kann – und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich mache. Bei meinen Leuten und bei mir.

„Ende der 80er Jahre gab es die Ausbildung zum Etikettendrucker noch nicht, deshalb habe ich eine Ausbildung zur Offsetdruckerin absolviert.“

Glauben Sie, dass die Vereinbarkeit von Familie und Karriere auch heute noch die Hauptschwierigkeit ist, Frauen in Führungspositionen zu sehen?

Simone Stöckigt: Ja unbedingt! Die Rahmenbedingungen sind schon besser geworden, Kita, verlässliche Grundschule – aber das sind die Möglichkeiten von „außen“. Kinder brauchen Präsenz! Deshalb bin ich dafür, dass reduzierte Arbeitszeiten auch in Führungspositionen kein Hinderungsgrund sind. Das möglich zu machen – auch in einem Mehrschicht-Betrieb, ist eine Herkulesaufgabe. Wir versuchen das – es geht, meistens! Und doch hat keiner gesagt, dass es einfach ist.

Hat Ihre Führungsposition aus Ihrer Sicht etwas an der Unternehmenskultur geändert?

Simone Stöckigt: Sicherlich hat mir meine Erfahrung an der Druckmaschine geholfen. Der respektvolle Umgang mit allen Mitarbeitern, der Fokus auf das „Gesehen-werden“ , die absolute Notwendigkeit des „im Gespräch-Bleibens“. Und natürlich, dass wir heute überdurchschnittlich viele Frauen in allen Positionen haben.

Haben Sie in Ihrem Unternehmen ein spezielles Fortbildungsprogramm für Mitarbeiterinnen?

Simone Stöckigt: Wir haben kein „Frauenförderungsprogramm“, da sind wir als kleiner Mittelständler flexibel und können unsere Fortbildungsmaßnahmen passgenau an den Bedürfnissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Anforderungen bei fs-Etiketten ausrichten.

„Die Druckereien waren unisono der Meinung „das müssen wir uns nicht auch noch antun.“

Die Förderung von Nachwuchskräften ist mir ein großes Anliegen. Wir haben zwei Projekte, die wir jährlich durchführen.

Simone Stöckigt: Gemeinsam mit weiteren 15 Unternehmen in unserer Stadt führen wir die „JobXpedition“ durch. Wir geben Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, in 4 Tagen 4 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen zu besuchen und eine Fülle an „unbekannten“  Berufen  in der Industrie kennenzulernen. Dieses Projekt wird an den Praktikumstagen vor Ort, fast ausschließlich von unseren Azubis betreut. Seit 5 Jahren gibt es den „fs-Etiketten-Design-Preis“. Unter dem Motto „Junges Design – frech.neu.anders. werden Etiketten für existierende Produkte von jungen, angehenden Grafikdesignern entworfen. Mit diesem Projekt sind wir bei drei Grafik-Design-Berufskolleges mittlerweile im Lehrplan aufgenommen worden. Die Impulse, die wir von den jungen Designern erhalten, sind auch immer für die kooperierenden Kunden, die die Produkte zu Verfügung stellen, eine Bereicherung. Quasi Marktbeobachtung aus einer sehr jungen Perspektive.

Wo liegen Ihre Ziele für das Unternehmen in den nächsten Jahren und eventuell die Förderung von Mitarbeiterinnen.

Simone Stöckigt: Das Thema Digitalisierung begleitet uns schon lange und wir werden unsere IT fortlaufend ausbauen und damit weitere Prozesse standardisieren. Da ich täglich einen Kopfstand mache, rechne ich weiterhin mit Ideen, um die Zusammenarbeit unserer Kunden und unserem Team weiter voran zu bringen. Bei fs-Etiketten werden wir weiterhin jedes Jahr zwei Auszubildende einstellen, kontinuierlich Coachings, Fortbildungen und Workshops anbieten und Familien mit flexiblen Arbeitszeitmodellen unterstützen.

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