Aus der Praxis

Lean Management – Ein Projekt für sich

Mit optimierten und schlanken Prozessen ein „leanes“ Unternehmen zu werden ist für immer mehr Druckdienstleister ein Thema. Die familiengeführte Etikettendruckerei VollherbstDruck stellt sich dieser Herausforderung und berichtet Etiketten-Labels von den drei Phasen der Umsetzung, wie dies von den Mitarbeitern angenommen wird und was dabei zu beachten ist. Rosina Obermayer besuchte das Unternehmen.

Vollherbst Druck
Sebastian Kiss, Head of Creations, und Michael Vetter, Leiter Organisationsentwicklung bei VollherbstDruck (Quelle: VollherbstDruck)

Kleinere Aufträge, steigende Kosten für Maschinenpark und Verbrauchsmaterialien und Fachkräftemangel – angesichts derartiger Herausforderungen muss ein Etikettendruckbetrieb so produktiv wie möglich arbeiten, um in diesem sehr wettbewerbsorientierten Markt bestehen zu können. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder von Lean Management die Rede ist. Dabei handelt es sich um eine Organisationsmethode zur Vermeidung von Verschwendungen und Steigerung der Kapazitäten sowie Sicherung der Qualität.

Ansässig in Endingen am Kaiserstuhl, im Südwesten Deutschlands, ist VollherbstDruck spezialisiert auf hochveredelte Etiketten und beliefert vor allem den Wein- und Spirituosenmarkt. Das badische Unternehmen nimmt wie die gesamte Branche einen Wandel im Etikettenmarkt wahr. Wurde früher beispielsweise das Etikett für eine Ein-Liter-Flasche kaum veredelt, so hat sich dieses Bild heute völlig gewandelt. „Unsere Kunden sind einem stärker werdenden Wettbewerb ausgesetzt und müssen sich zunehmend mehr differenzieren. Der klassische Fachhandel, wo der Kunde noch eine Beratung erhält, verliert an Bedeutung. Der Trend zum Lebensmitteleinzelhandel stellt die Produzenten vor die Herausforderung, ihre Produktverpackung so zu gestalten, dass die Zielkunden ohne eine fachliche Beratung am POS (Point of Sale) angesprochen werden“, erläutert Sebastian Kiss, Head of Creations bei VollherbstDruck.

Endverbraucher im Fokus

Kiss erklärt weiter: „Wir wollen den Konsumenten in den Mittelpunkt stellen und so für den größtmöglichen Erfolg des Etiketts am Markt sorgen.“ Um dieses Ziel optimal zu unterstützen, wurde 2017 eine eigene Inhouse-Designagentur ins Leben gerufen und zeitgleich begann auch die innerbetriebliche Diskussion des Themas Lean Management. Vorreiter für Lean Management ist die Automobilbranche. Eine „schlanke Unternehmensführung“ soll dazu dienen, Prozesse zu optimieren und zu beschleunigen, um Verschwendung zu minimieren, Prozesse zu harmonisieren und Effizienz zu optimieren.

„Die Daten müssen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein – das ist das oberste Ziel in modernen Produktionsumgebungen“, erklärt Michael Vetter, als Leiter Organisationsentwicklung bei VollherbstDruck auch verantwortlich für das Lean Management.

Lean Management in drei Phasen

Im Jahr 2017 hatte sich VollherbstDruck an einen externer Berater gewandt, um die Umstellung auf Lean Management möglichst wirksam und problemlos zu gestalten. Das Projekt wird seit etwa Mitte 2017 umgesetzt und ist in drei Phasen aufgeteilt:

Phase 1 „Control your territory”

Phase 2 „Control your flow“

Phase 3:„Create culture“

„Control your territory“

In dieser ersten Phase auf dem Weg zum „leanen“ Unternehmen geht es im Wesentlichen um das Schaffen von Ordnung und Transparenz. „Im Grunde haben wir erst einmal aufgeräumt, zum Teil sogar alte Maschinen entsorgt. Das entsprechende Stichwort lautet ‚5S-Methode‘“, sagt Michael Vetter.

Die 5S-Methode (sortieren, systematisieren, säubern, standardisieren, sicherstellen) ist eine systematische Vorgehensweise zur Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes und der Arbeitsumgebung. Durch konsequente Anwendung der 5S-Methode lassen sich Suchzeiten für das Auffinden von Werkzeugen, Betriebsmitteln oder Materialien vollständig vermeiden.

Vetter führt aus: „Im Wesentlichen geht es darum, für alles einen bestimmten Platz zu haben. Um eine Maschine zu reparieren, brauche ich nicht zwingend den ganzen Werkzeugsatz. Hat eine Maschine drei verschiedene Schrauben, sind auch nur drei verschiedene Schlüssel notwendig.“ Stellplätze einführen und eindeutig zu kennzeichnen ist Teil der ersten Phase ebenso wie das möglichst detailgetreue Aufzeichnen aller Prozesse.

Lean Management ist auch aus der Druckbranche kaum mehr wegzudenken. In Anlehnung an Industrie 4.0 und damit verbundene automatisierte und digitalisierte Produktion führt Vetter aus: „Eine Digitalisierung von Prozessen ist notwendig. Schlechte Prozesse zu digitalisieren führt nur dazu, einen schlechten digitalen Prozess zu haben. Deshalb geht es vielmehr darum, zuerst die Prozesse zu optimieren, natürlich auch zu verschlanken, und diese anschließend zu digitalisieren.“

Die erste Phase war ursprünglich auf ein halbes Jahr angesetzt. Nach etwa acht Monaten war diese weitgehend abgeschlossen und die zweite Phase des Projektes konnte eingeleitet werden. Jedoch ist anzumerken, dass insbesondere die Themen Ordnung und Sauberkeit immer aktuell sind sowie Prozessabläufe stetig geprüft und weiterentwickelt werden.

„Control your flow“

VollherbstDruck ist aktuell in Phase 2 angekommen, genannt „control your flow“. Im fließenden Übergang zu Phase 1 entstehen sehr detaillierte Zeichnungen davon, welche Vorgänge ein Etikett vom ersten Entwurf über den Druck bis hin zum Versand durchläuft. Dies schließt mögliche Schleifen bei den jeweiligen Produktionsstufen ein.

Nach dem Aufzeichnen der Prozesse gilt es, diese zu optimieren, zu verschlanken und zu digitalisieren. Im Rahmen des Projektes hat sich das Unternehmen auch auf die Logistik konzentriert. Ist eine Stellfläche leer, wird diese von der internen Logistik aufgefüllt, ohne die Maschinenbediener hierfür mit einbeziehen zu müssen.

Ein Bachelor-Student beschäftigt sich außerdem mit der Optimierung der Rüstzeiten an den Druckmaschinen. In der aktuellen Phase der Umwandlung zum schlanken Unternehmen werden verschiedene sogenannte „Shopfloor-Inseln“ ins Leben gerufen. Diese dienen dazu, die verantwortlichen Personen vor Ort zusammenzubringen und mit dem aktuellen Stand vertraut zu machen.

So trifft sich beispielsweise das „Shopfloor“-Team für den Bereich Rollendruck jeden Morgen, um ein Update des aktuellen Produktionsstandes zu geben. Dabei handelt es sich um Fragen wie „Wie lief die Nachtschicht?“ „War zu wenig Material wie zum Beispiel Lack vorhanden?“ oder „Was steht heute auf dem Plan?“

Darüber hinaus gibt es ein „Produktion Shopfloor“ mit allen Teamleitern aus der Produktion sowie dem Betriebsleiter. Im Idealfall sollen die Prozesse in allen Bereichen problemlos ablaufen, aber auch Fragen wie „Ist eine Reparatur der Maschine nötig und wenn ja, sind eventuell Jobs umzuplanen?“ werden hier in aller Kürze zwischen den verantwortlichen Personen besprochen.

Vollherbst Druck
Auf dem Weg zum „schlanken“ Unternehmen durchläuft VollherbstDruck drei Phasen: „Control your territory“, „control your flow“ und schließlich „create culture“. Shopfloor-Inseln einzurichten ist Teil der zweiten Phase, in der die Etikettendruckerei sich gerade befindet, erklärt Michael Vetter (Quelle: Rosina Obermayer)

Probleme schnell und einfach lösen

Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise besteht darin, dass kleinere Probleme schnell und einfach gelöst werden können, und zugleich grundsätzlichere Fragen wie „Warum geht der Produktion der Lack aus?“ entweder unmittelbar besprochen oder in einer zusätzlichen Besprechung thematisiert werden.

Ausgestattet mit den gleichen Tools und der gleichen Systematik gibt es diese Runde außerdem auf der Ebene der Geschäftsführung. Ziel ist es, Mitarbeiter über alle wichtigen Zahlen zu informieren sowie Themen unabhängig von der Produktion zu betrachten.

Seit Herbst 2017 führt VollherbstDruck diese Shopfloor-Inseln in den verschiedenen Abteilungen schrittweise ein. Das Familienunternehmen nutzt dieses System, um Themen im jeweiligen Bereich zu bearbeiten oder bei Bedarf auf höherer Ebene zu eskalieren.

Reaktion der Mitarbeiter?

„Insbesondere bei den Worten Digitalisierung und Effizienz sind Mitarbeiter oft zuerst etwas alarmiert. Jede Optimierung soll nur dazu dienen, Mitarbeiter von unnötiger Arbeit zu entlasten und mehr Kapazitäten zu schaffen“, erklärt Vetter. „Zugleich wollen wir interessante Arbeitsplätze bieten, besonders auch für die junge Generation, denn gute Fachkräfte sind mittlerweile Mangelware.“

Lean Management kann zudem als Tool angesehen werden, um verstecktes Potenzial der Mitarbeiter aufzugreifen. Ein Problem wird idealerweise im jeweiligen Bereich gelöst, beim Fachmann, der sich auskennt und eine schnelle und gute Lösung kennt.

„Create culture“

2019 steht voraussichtlich die Umsetzung der dritten Phase des Lean Management-Projektes an. Ziel der „Create culture“-Phase ist die Schaffung einer Unternehmenskultur, die Lösungs-getrieben ist und nicht Problem-getrieben. Eine Firmenkultur, die von sich aus Optimierungen und Innovationen anstößt und Entscheidungen trifft, die auf Zahlen und Fakten basiert und nicht auf Bauchgefühl. „Die Druckmaschine regelmäßig zu warten, ist viel sinnvoller, als darauf zu warten, dass Probleme während des Druckens entstehen“, erklärt Vetter die Herangehensweise beispielhaft.

Eine neu eingerichtete Innovationsecke soll Mitarbeitern außerdem dabei helfen, Ideen und Lösungsansätze zu entwickeln. Ein jährlicher Innovationswettbewerb prämiert außerdem bereits die besten Ideen und das beste Team. Weitere konkrete Maßnahmen stehen an, wenn Phase 2 weiter vorgeschritten ist.

Michael Vetter umreißt die große Vision: „Unser oberstes Ziel ist es, uns gegenseitig immer weiter zu optimieren und uns so näher an das Ziel eines schlanken Unternehmens anzunähern.““

Vollherbstdruck – im Überblick

Der Etikettendrucker mit Sitz in Endingen im Kaiserstuhl ist spezialisiert auf den Druck von Etiketten und deren Veredelung mit Prägefoliendruck, Reliefprägung, Lackierung, Heißfolienveredelung, Micro Embossing bis hin zum neuen, selbst entwickelten CraftLabel. Mit etwa 120 Mitarbeitern produziert das Unternehmen etwa zu gleichen Teilen Nassleimetiketten und Selbstklebeetiketten. Der Großteil der hergestellten Etiketten ist bestimmt für die Wine & Spirits-Märkte. VollherbstDruck produziert außerdem Etiketten für den Lebensmittelbereich, z. B. für Honig und Konfitüren sowie für den Beautybereich. Das Familienunternehmen wurde im Jahr 1921 gegründet und wird seit dem

Wie gelingt Lean Management im Druckunternehmen?

Drei Phasen werden umgesetzt:

  • Phase 1: „Control your territory“ (u. a. 5S-Methode)
  • Phase 2: „Control your flow“
  • Phase 3: „Create culture“

Eine „schlanke Unternehmensführung“ soll dazu dienen, Prozesse zu optimieren und zu beschleunigen, um Verschwendung zu minimieren, Prozesse zu harmonisieren und Effizienz zu optimieren. [5949]