Die Branche in Frankreich – Gewinner und Verlierer durch Covid 19

Ein typisches Bild in Paris zur Corona-Zeit – leere Straßen und über Hinweise auf Covid19. Aber so langsam kehrt das Leben zurück. (Quelle: John Penhallow)
Ein typisches Bild in Paris zur Corona-Zeit – leere Straßen und überall Hinweise auf Covid19. Aber so langsam kehrt das Leben zurück. (Quelle: John Penhallow)

Erstaunlich, aber wahr. Laut FINAT-Statistik stieg der Gesamtverbrauch an Haftmaterial in Frankreich im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr um mehr als drei Prozent. Aber, wie in anderen europäischen Ländern ist die Nachfrage seit dem Lockdown je nach Branche sehr unterschiedlich. Von John Penhallow.

Logo Fokus EuropaDa die Restaurants und Bistros geschlossen sind, essen wir alle zu Hause – daher gibt es eine “Explosion” der Nachfrage nach Verpackungen und Etiketten für den Lebensmittelsektor. Bei einigen Verarbeitern hat sich der Umsatz verdoppelt. Die Kunden stehen Schlange vor der Tür, hat es geheißen. Für Pharmaetiketten ist der Anstieg weniger stark (mit Ausnahme von Etiketten für alkoholischen Handwaschmitteln), aber zufriedenstellend. Weinetikettendrucker weinen: Zwischen geringeren Exporten und stagnierendem Inlandskonsum ist dieser Markt auch in der Krise. Manche Etiketten für die Industrie werden nachgefragt, aber z.B. der Automobilsektor ist fast zur Gänze stillgelegt. Dasselbe gilt für Verpackungen  und Etiketten für Luxuswaren, da alle Geschäfte seit mehr als sechs Wochen geschlossen geblieben sind.

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Seit Beginn der Krise sammelt die UNFEA (der französische Verband für SK-Etiketten) wöchentlich detaillierte Statistiken über seine Mitglieder. Diese Untersuchungen zeigen, dass mit Ausnahme der ersten Woche des Lockdowns das Personal gearbeitet hat und dass Bestellungen im Allgemeinen ohne Schwierigkeiten geliefert wurden. Rohstofflieferungen waren dagegen angespannt. Bei der Umfrage vom 3. Mai betrug die Druckmaschinenauslastung durchschnittlich 76%, und mehr als die Hälfte der Befragten sah einen positiven Ausstieg aus der Krise. Einige Investitionsprojekte wurden jedoch verschoben oder sogar storniert. Mehr als ein Drucker war trotz der von der Regierung angebotenen Zuschüsse für Kurzarbeit angenehm von der Loyalität seiner Mitarbeiter überrascht.

Und wie sieht das ein Maschinenhersteller

Interview mit Stéphane Rateau, Präsident von SMAG (€15 Mio Umsatz., 65 Mitarbeiter), einem französischen Hersteller von Etikettenveredelungsmaschinen.

Stephane Rateau, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens DSMG (Quelle: SMAG)
Stephane Rateau, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens DSMG (Quelle: SMAG) (Bild: © Philippe DUREUIL)

Covid-19 hat die französische Wirtschaft, insbesondere das verarbeitende Gewerbe, durcheinander gebracht. Wie haben Sie zu Beginn der Krise reagiert?

Stéphane Rateau: Meine erste Reaktion war, das Werk vorläufig zu schließen, um in Ruhe über die beste Taktik nachzudenken. Aber nach einigen Tagen haben wir die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen installiert – Abstand zwischen den Arbeitsplätzen, Masken, hydroalkoholischem Gel, Kantine, Waschräume usw. und ich habe alle Mitarbeiter eingeladen, zur Arbeit zurückzukehren. Fast die Hälfte von ihnen stimmte zu und das ermöglichte es uns, die „lebenserhaltenden Funktionen“ der Firma für die Dauer der Notlage aufrechtzuerhalten. Dies beinhaltet die Fertigung laufender Arbeiten und natürlich den Kundendienst. Wir haben gegen Wind und Wellen angekämpft, damit alle Ersatzteile rechtzeitig bei unseren Kunden anlangten. Einfach war es nicht, und wir mussten oft erfindungsreich sein. Ich bereue meine Entscheidung nicht, denn wenn ein Unternehmen ein oder zwei Monate ganz geschlossen bleibt, ist es sehr schwer, es wiederzubeleben.

Und die Lieferanten,  hatten die geschlossen?

Rateau: Einige ja und wir mussten sie überzeugen. ich meine, dass wir, französische und europäische Industrielle, viel mehr in Europa produzieren können. Warum immer alles am anderen Ende der Welt produzieren lassen, um ein paar Euro einzusparen? Das einzige Ergebnis ist der allmähliche Verlust unserer industriellen Unabhängigkeit.

Und konnten Sie in den letzten zwei Monaten fertige Bestellungen ausliefern und montieren?

Rateau: Für den Export, der die Hälfte unseres Umsatzes ausmacht, war fast keine Lieferung möglich – schlimmer noch, wir haben heute keine Sicht auf die Öffnung der Grenzen. Selbst für unsere Inlandskunden war es in den letzten Wochen sehr schwierig. Bei einigen Kunden konnten wir die Montage nur am Wochenende durchführen, um die Sicherheit ihrer und unserer Mitarbeiter zu gewährleisten. Und da möchte ich unseren Teams Tribut zollen. Sie haben mit Begeisterung ihre Freizeit aufgegeben, um uns bei der Bewältigung dieser Krise zu helfen. Leider haben andere Kunden die Auslieferung von fertigen Maschinen aus verschiedenen Gründen – Gesundheit, Logistik – abgelehnt. Und solange die Installation bei dem Kunden nicht beendet ist, können wir keine Rechnung stellen  – mit den Auswirkungen, die Sie sich auf unseren Cashflow vorstellen können.

In Frankreich wurde der 11. Mai als „Anfang vom Ende“ des Shutdowns angekündigt. Glauben Sie an eine rasche Besserung?

Rateau: Nein. Es wird Monate oder sogar Jahre dauern, um die Nachbeben dieser Krise zu überwinden. Die wirtschaftlichen Folgen und die Dauer werden von Land zu Land verschieden sein. Ich habe eine fertige Maschine zur Lieferung in die USA. Wer kann sagen, wann ich sie verschicken kann? Für den Schengen-Raum hoffe ich, in ein paar Wochen eine Besserung der Transportbedingungen zu sehen. Aber all dies betrifft nur die Produktion. Für den kommerziellen Teil stehen wir seit zwei Monaten still, auch wenn wir einige Bestellungen entgegennehmen konnten. In unserem Geschäft muss man einen direkten Kontakt zum Kunden haben, und an Messen oder Roadshows teilnehmen. Es wird lange dauern, bis alles wieder in Ordnung ist. Und währenddessen schlafen unsere Konkurrenten nicht.

Was sind die mittelfristigen Aussichten für SMAG?

Rateau: Ich mache mir Sorgen um die zweite Hälfte dieses Jahres. Das Ausfallen des Kundendienstes wird eine verzögerte Auswirkung haben hinsichtlich der Investitionen befürchte ich eine gewisse Zurückhaltung bei unseren Kunden. Schließlich wird es für unsere Konkurrenten genauso sein, aber es ist ein schwacher Trost.

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